| Veranstaltung: | 50.Vollversammlung |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 4.1. Zukunft der Bildung |
| Antragsteller*in: | Vorstand |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 24.09.2026, 09:35 |
A1: Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft
Antragstext
- Der Landesjugendring Thüringen e.V. fordert die Thüringer Landesregierung
auf, einen breit angelegten und beteiligungsorientierten Prozess zur
Weiterentwicklung des Thüringer Schulsystems einzuleiten. Junge Menschen
und ihre Interessenvertretungen sollen dabei von Beginn an verbindlich
beteiligt werden. In den Prozess sollen zudem relevante Akteur*innen aus
Bildung, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft einbezogen werden.
- Der Vorstand des Landesjugendring Thüringen e.V. wird beauftragt, das
Papier „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ und die darin
formulierten Reformansätze in die bildungspolitische Debatte in Thüringen
einzubringen. Dazu führt er Gespräche mit der Thüringer Landesregierung,
den Fraktionen des Thüringer Landtags sowie weiteren relevanten
Akteur*innen aus Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Begründung
Wir nehmen wahr:
- Bildungschancen hängen in Thüringen weiterhin stark von der sozialen Herkunft, den familiären Voraussetzungen und früh getroffenen Bildungsentscheidungen ab.
- Die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schularten stellt bereits in jungen Jahren wichtige Weichen für den weiteren Bildungsweg. Ein späterer Wechsel ist zwar möglich, bedeutet aber häufig auch einen Wechsel der Schule, des Schulwegs und des vertrauten sozialen Umfelds.
- Feste Klassen-, Zeit- und Lernstrukturen passen nicht immer zu den unterschiedlichen Lernständen, Interessen und Lerngeschwindigkeiten junger Menschen. Individuelle Förderung und selbstständiges Lernen kommen dadurch häufig zu kurz.
- Die Voraussetzungen für inklusive Bildung und gleichberechtigte Teilhabe sind an Thüringer Schulen noch nicht überall gegeben. Es fehlen unter anderem ausreichend Personal, geeignete Räume und notwendige Unterstützungsangebote.
- Viele Schulgebäude und ihre Ausstattung entsprechen nicht den Anforderungen an zeitgemäßes Lernen. Es fehlen flexible Lernräume, Rückzugsmöglichkeiten, eine verlässliche digitale Ausstattung und vielerorts notwendige Sanierungen.
- Lehrpläne und Unterricht greifen die Lebenswelt und Interessen junger Menschen sowie wichtige Kompetenzen für eine sich verändernde Lebens- und Arbeitswelt noch nicht ausreichend auf.
- Für digitales Lernen und einen fachlichen, kritischen und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz fehlen vielerorts verlässliche technische und pädagogische Voraussetzungen.
- Hausaufgaben können soziale Unterschiede und Belastungen verstärken und schränken die freie Zeit junger Menschen ein. Gleichzeitig bilden Noten und klassische Prüfungsformen individuelle Lernfortschritte und unterschiedliche Stärken nur unzureichend ab.
Vor diesem Hintergrund hat der Landesjugendring Thüringen e.V. das Papier ‚Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft‘ erarbeitet. Es beschreibt aus Sicht von Jugendverbänden und jungen Menschen zentrale Reformbedarfe und stellt mögliche Perspektiven für eine gerechte und zukunftsfähige Schule zur Diskussion.
Text erweitert
Zukunft der Bildung
Schule der Zukunft
Vorwort
Das vorliegende Papier „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ ist das Ergebnis eines fortlaufenden Arbeits- und Verständigungsprozesses. Er wurde als erster Entwurf in der Vollversammlung 2025 vorgestellt sowie 2026 im Hauptausschuss und in zwei digitalen Workshops diskutiert und rückgespiegelt. Im anschließenden schriftlichen Anhörungsverfahren konnten alle Mitgliedsorganisationen des Landesjugendring Thüringen e.V. (LJRT) ihre Sichtweisen einbringen. Viele eingebrachte Hinweise, Kritikpunkte und Anregungen sind in die vorliegende Überarbeitung eingeflossen.
Der Landesjugendring Thüringen e.V. verbindet mit diesem Prozess das Ziel, den kritischen und gesellschaftlich breit angelegten Diskurs über die Zukunft von Bildung und Schule in Thüringen zu stärken und hierfür eine gemeinsame Position aus Sicht von Jugendverbänden und jungen Menschen zu entwickeln. Das Positionspapier liefert hierfür Problemaufrisse und mögliche Lösungsansätze, die es zu diskutieren gilt. Zugleich stellt es kein fertiges und durchdekliniertes Bildungskonzept dar.
Inhaltlich richtet das Papier den Fokus auf die Zukunft der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen in Thüringen. Dieser Schwerpunkt ist bewusst gewählt, da diese Schulphase junge Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung, ihren Bildungswegen und Zukunftsperspektiven besonders prägt. Aus Sicht des Landesjugendring Thüringen e.V. zeigt sich hier ein besonderer Reformbedarf.
Der Grundschulbereich wird nicht gesondert behandelt. Einzelne Themen werden dennoch aufgegriffen, wenn sie schulartübergreifend relevant sind, beispielsweise FlexDay oder Bezugsgruppen.
Förderschulen, berufsbildende Schulen und Hochschulen stehen nicht im Mittelpunkt des Papiers. Wo Bezüge erforderlich sind, werden sie berücksichtigt. Im Modell einer verlängerten Grundschule verlagert sich dieser Schwerpunkt perspektivisch auf die Zeit ab Jahrgangsstufe 7.
Das Papier „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ ist in zehn Kapitel gegliedert. Es benennt zentrale Herausforderungen des bestehenden Schulsystems, entwirft Perspektiven für eine Schule der Zukunft und stellt strukturelle Reformansätze zur Diskussion. Der Landesjugendring Thüringen e.V. legt mit diesem Entwurf einen Beitrag für die weitere fachliche, politische und gesellschaftliche Verständigung über eine gerechte und zukunftsfähige Bildungslandschaft in Thüringen vor.
Der Schulcampus als gemeinsamer Lernort
Ausgangssituation
Das Schulsystem in Thüringen ist gegliedert. Noch während der Grundschule entscheiden Eltern, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Damit werden Bildungswege früh auf unterschiedliche Schularten verteilt. Regelschule und Gymnasium bilden die zentralen Säulen des weiterführenden Schulsystems. Während die Regelschule auf den (Qualifizierten) Hauptschulabschluss und den Realschulabschluss ausgerichtet ist, führt das Gymnasium vordergründig zum Abitur. Gemeinschafts- und Gesamtschulen ermöglichen zwar längeres gemeinsames Lernen und unterschiedliche Abschlüsse an einem Ort, sind aber bislang nicht flächendeckend etabliert.
Die frühe Trennung ist problematisch, weil sich fachliche Potenziale unterschiedlich schnell entwickeln und Bildungsentscheidungen auch von familiären Erwartungen, sozialer Herkunft und verfügbaren Angeboten vor Ort geprägt sind. Zwar sind Wechsel zwischen Schularten grundsätzlich möglich, praktisch aber mit hohen Hürden verbunden. Wer die Schulart wechselt, wechselt häufig auch den Lernort, den Schulweg, vertraute Lehrkräfte und das soziale Umfeld. Durchlässigkeit ist damit zwar formal vorgesehen, wird aber praktisch erschwert.
Zugleich lernen Schüler*innen über Jahre in getrennten sozialen Räumen. Freundeskreise, Freizeitkontakte und schulische Erfahrungen entwickeln sich häufig entlang der jeweiligen Schulart. Dadurch entstehen Filterblaseneffekte. Junge Menschen begegnen seltener Gleichaltrigen mit anderen Lernwegen und sozialen Hintergründen. Schule verliert damit einen Teil ihres Potenzials als gemeinsamer sozialer und demokratischer Erfahrungsraum.
Zukunftsvision
Die Schule der Zukunft führt die bisherigen weiterführenden Bildungsgänge auf einem gemeinsamen Schulcampus zusammen. Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Abitur bleiben als aufeinander aufbauende Qualifikationen erreichbar. Der Weg dorthin ist jedoch weniger stark als bisher an getrennte Schulorte und eine frühe Festlegung auf eine Schulart gebunden. Schüler*innen können ihren Bildungsweg verändern, ohne dafür automatisch ihr vertrautes soziales Umfeld, ihre Bezugspersonen oder ihren Schulweg aufgeben zu müssen.
Der Schulcampus entkoppelt soziale Zugehörigkeit vom angestrebten Abschluss. Schüler*innen bleiben in gemeinsamen sozialen Zusammenhängen und begegnen im Schulalltag regelmäßig jungen Menschen mit anderen Lernwegen, Erfahrungen und Perspektiven. So wirkt der Schulcampus Filterblaseneffekten entgegen. Schule wird noch stärker zu einem demokratischen Erfahrungsraum, in dem Unterschiede nicht nur thematisiert, sondern im Alltag erlebt und ausgehandelt werden. Zugleich arbeitet ein gemeinsames pädagogisches Team fach- und niveaustufenbezogen zusammen.
Damit der Schulcampus Chancengleichheit stärkt, muss er für junge Menschen gut erreichbar bleiben. Die Entfernung zum Wohnort darf nicht zu einer neuen Bildungsbarriere werden. Das Thüringer Schulgesetz sieht maximale Soll-Schulwegzeiten vor. Für den Schulcampus sollte unabhängig vom angestrebten Abschluss eine Schulwegzeit von höchstens 45 Minuten gelten.
Lernen in Niveaustufen
Ausgangssituation
Noch während der Grundschule entscheiden Eltern, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Diese Entscheidung fällt zu einem Zeitpunkt, an dem fachliche Entwicklungen noch schwer vorhersehbar sind. Leistung wird damit vor allem schulartbezogen organisiert. Das wird den unterschiedlichen Leistungsprofilen vieler junger Menschen nicht gerecht. Eine Schwäche in einem Fach kann den gesamten Bildungsweg begrenzen, während besondere Stärken in anderen Fächern zu wenig berücksichtigt werden.
Gleichzeitig orientiert sich Unterricht im schulartbezogenen Klassensystem häufig an einer Klassennorm. Lehrkräfte müssen unterschiedliche Lernstände ausbalancieren; leistungsstarke Schüler*innen werden dadurch nicht immer ausreichend herausgefordert, während Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf nicht gezielt genug gefördert werden.
Hinzu kommt, dass sich in den meisten Fächern die fachlichen Anforderungen, insbesondere in den Jahrgangsstufen 5 und 6, noch stark überschneiden. Abschlussbezogene Unterschiede werden erst später deutlicher. Die Trennung setzt damit früher an, als es fachlich erforderlich erscheint.
Zukunftsvision
Die Schule der Zukunft organisiert Leistung nicht länger pauschal über Schularten, sondern fachbezogen. Schüler*innen bleiben Teil einer gemeinsamen Lerngemeinschaft und können sich zugleich je nach Fach individuell entwickeln.
Die verlängerte Grundschule bis Jahrgangsstufe 6 führt dazu, dass in den Jahrgangsstufen 5 und 6 alle Schüler*in-nen auf Grundlage eines gemeinsamen Kompetenzrahmens in stabilen Gruppen lernen. Unterschiedliche Lernstände werden innerhalb dieser Gruppen aufgegriffen, indem Aufgaben, Materialien und Unterstützungsangebote grundlegend, festigend oder vertiefend angelegt sind. Gemeinsames Lernen wird damit so lange ermöglicht, wie die fachlichen Anforderungen noch vergleichbar sind.
Ab Jahrgangsstufe 7 werden Niveaustufen zum verbindlichen Organisationsprinzip des fachlichen Lernens. Schüler*innen lernen dann je nach Fach in unterschiedlichen Lernnetzwerken, die auf ihre aktuelle Niveaustufe ausgerichtet sind. Wer zum Beispiel in Mathematik grundlegende Kompetenzen sichern muss, kann dort anders lernen als in Deutsch oder Englisch, wo möglicherweise festigend oder vertiefend gearbeitet wird. Die Zuordnung erfolgt fachbezogen, wird regelmäßig überprüft und kann gewechselt werden.
Ab Jahrgangsstufe 9 werden Qualifikationen schrittweise erworben. Mit dem Hauptschulabschluss erwerben alle Schüler*innen zunächst eine erste schulische Qualifikation. Wer weiterlernt, kann anschließend mit dem Realschulabschluss und später mit dem Abitur weitere Qualifikationen erwerben. Jede Qualifikation macht erreichte Kompetenzen sichtbar und eröffnet weitere Bildungswege. Die fachbezogenen Niveaustufen bleiben davon unabhängig bestehen. Zusätzliche Lernzeiten und eine gezielte Vorbereitung auf den jeweiligen Abschluss unterstützen auf dem Weg zur jeweiligen Qualifikation.
Eine Leistungsfeststellung, die den individuellen Lernweg sieht
Ausgangssituation
Im deutschen Schulsystem werden Leistungen meist mit Ziffernnoten oder Punkten bewertet. In den ersten Klassenstufen werden Noten häufig noch durch schriftliche Rückmeldungen ersetzt. Teilweise werden auch Bewertungen zum Sozialverhalten vergeben. Noten ordnen Leistungen im Vergleich zur Jahrgangsnorm ein. Sie beeinflussen Bildungswege und Berufschancen und können zu Wiederholungen eines Schuljahres führen. Gleichzeitig gibt es deutliche Kritik an der Aussagekraft und Wirkung von Noten. Schlechte Noten verursachen oft Zukunftsängste und Stress. Eine einzelne Note bildet selten individuelle Stärken, Lernfortschritte oder Entwicklungen ab. Viele Schüler*innen lernen aus Angst oder für Belohnung statt aus Interesse, was die Freude am Lernen mindern kann. Noten geben zudem kaum Hinweise zur Verbesserung. Sie können das Selbstbild negativ beeinflussen, auch bei Lernfortschritten. Zudem gelten Noten oft als scheinobjektiv und lehrkraftabhängig. Viele Prüfungsformen messen vor allem Wissen unter Zeitdruck, weniger Verstehen oder Denken. Die moderne Arbeitswelt verlangt jedoch Teamarbeit, kreative Lösungsstrategien und kontinuierliches Lernen, Fähigkeiten, die durch traditionelle Notensysteme nur begrenzt sichtbar werden. Das Thüringer Schulgesetz beschreibt in § 59a mit den Gesprächen zur Lernentwicklung ein Instrument für individuelles Feedback. Diese finden in größeren zeitlichen Abständen statt, sind wenig fachspezifisch und dienen vor allem der Beratung von Schüler*innen und Sorgeberechtigten.
Zukunftsvision – Von der Jahrgangsnorm zu individuellen Leistungsrückmeldungen
In der Schule der Zukunft erhalten die Schüler*innen statt Noten individuelle Rückmeldungen, die zum jeweiligen Leistungsstand passen und die Lernentwicklung unterstützen. Dies ist bereits heute im Thüringer Schulgesetz verankert: § 25 sichert allen Schüler*innen eine individuelle Förderung entsprechend ihren Fähigkeiten und Leistungen sowie eine Rückmeldung zum persönlichen Leistungsstand zu.
Lehrkräfte geben kontinuierlich in kurzen zeitlichen Abständen und fachbezogen konkrete Hinweise, wie Lernprozesse verbessert werden können. Sie unterstützen Schüler*innen als Begleiter*innen auf ihrem Lernweg. Die individuellen Rückmeldungen erfolgen in einem Feedbackkreis mit den Phasen: Bearbeiten von Aufgaben & Leistung erbringen, Rückmeldung erhalten & verarbeiten, Lernziele festlegen und Neustart wagen. Die Leistungsfeststellungen berücksichtigen individuelle Entwicklungsstände und Lerngeschwindigkeiten. Sie orientieren sich an Kompetenzen und nicht an jahrgangsbezogenen Leistungsnormen. Projekte, Portfolios, Diskussionen und digitale Präsentationen fördern kreatives Denken und die Anwendung von Wissen. Sie treten an die Stelle standardisierter Tests. Auch das Sozialverhalten wird durch individuelle Rückmeldungen gefördert. Kunst, Musik, Sport und Darstellendes Spiel werden aus der Fächer- und Bewertungslogik gelöst und fest in den Alltag der Bezugsgruppen integriert. Da das aktive Gestalten, Musizieren, Darstellen und Bewegen, unabhängig von der Qualität der Ergebnisse, kognitive Lernprozesse anregt, werden entsprechende Angebote gezielt gefördert und attraktiv gestaltet.
Übergänge in Ausbildung und Hochschule werden durch transparente, kompetenzorientierte und fair gestaltete Eignungstests, Kompetenzchecks und Auswahlverfahren seitens der aufnehmenden Stellen gestaltet.
Bezugsgruppen als soziale Ankerpunkte
Ausgangssituation
In Thüringer Schulen ist der Klassenverband nach wie vor die Regel, auch wenn offene Lernstrukturen zunehmen. Der Klassenverband bietet eine verlässliche Lernumgebung und erleichtert Organisation und Leistungsbewertung. Gleichzeitig führt die Orientierung an einer Klassennorm dazu, dass individuelle Förderung oft zu kurz kommt. Offene Lernformen ermöglichen Lernen im eigenen Tempo, leistungsorientierte Aufgaben und mehr Selbstorganisation. Sie bleiben, trotz der rechtlichen Möglichkeit, bislang eher Ausnahmen, obwohl sie stärker den Anforderungen der modernen Arbeitswelt ähneln, in der Teamarbeit, Projektorientierung und eigenständiges Arbeiten zentral sind.
Zukunftsvision – Von der Klasse zur Bezugsgruppe und dem Lernnetzwerk
Der traditionelle Klassenverband wird abgelöst. Das fachliche Lernen wird in Lernnetzwerken und Niveaustufen organisiert und durch individuelle Leistungsrückmeldungen begleitet. Für das Erproben von Selbstwirksamkeit und Demokratieverständnis werden die Lernnetzwerke durch Bezugsgruppen ergänzt, die heterogen und zufällig zusammengesetzt sind und als konstante Bezugseinheiten dienen. Die Bezugsgruppe bildet den sozialen Ankerpunkt im Schulalltag. Hier begegnen sich Schüler*innen, lernen einander kennen, essen gemeinsam zu Mittag, gestalten Feiern und Versammlungen. Jede Bezugsgruppe hat eine pädagogische Leitung und ist basisdemokratisch organisiert. Schüler*innen haben dadurch die Möglichkeit, ihren außerunterrichtlichen Schulalltag direkt mitzugestalten. Dabei wird auf eine sichere Umgebung für alle geachtet. Gemeinsame Strategien und Regelungen des Miteinanders werden stetig weiterentwickelt. Die Bezugsgruppen schaffen Gemeinschaft, stärken Zusammenhalt und fördern demokratisches Miteinander. In den Bezugsgruppen ist ausreichend Raum, eine Wohlfühlumgebung zu gestalten, sich bei Problemen gegenseitig zu unterstützen, aktuelle Themen zu besprechen und soziale Kompetenzen im Umgang miteinander zu entwickeln.
Selbstorganisation ist Leitprinzip. Jede Woche beginnt mit einer Zielsetzung in der Bezugsgruppe und endet mit einer gemeinsamen Rückschau. Schüler*innen planen ihre Lernwoche in festen Lernzeiten, wählen passende Lernnetzwerke und Aufgaben und dokumentieren ihren Fortschritt im Portfolio. Lehrkräfte agieren als Lernbegleiter*innen. Die Entscheidungen über Tempo, Zugänge und Reihenfolge der Aufgaben liegen bei den Lernenden, gerahmt durch Mindeststandards. Lernpatenschaften unter Schüler*innen fördern soziales und fachliches Lernen.
Um Motivation und Teamgeist zu fördern, treten die Bezugsgruppen halbjährlich in spielerischen und mehrkriteriellen Wettbewerben gegeneinander an. Diese Wettbewerbe machen Erfolge sichtbar, schaffen Anreize und stärken die Verbindung innerhalb der eigenen Bezugsgruppe. Jede Teilnahme an den Wettbewerben wird anhand der Stärken aller Schüler*innen gemeinsam in der Bezugsgruppe entschieden. Die Ergebnisse haben keinen Einfluss auf die Leistungsbewertung, können aber dazu beitragen, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen und daran zu wachsen.
Bezugsgruppen und Lernnetzwerke ergänzen sich damit. Lernnetzwerke sichern die individuelle Förderung und fachliche Entwicklung. Die Bezugsgruppen hingegen bilden die soziale Gemeinschaft, ermöglichen Begegnung und stärken Identität. So entsteht eine Schule, die Lernen personalisiert, Gemeinschaft lebt und Zukunftskompetenzen wie Selbstorganisation, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördert.
Inklusive Bildung als Leitprinzip
Ausgangssituation
Inklusive Bildung ist ein menschenrechtlicher Auftrag und in Thüringen seit vielen Jahren bildungspolitisch verankert. Inklusion meint die gleichberechtigte Teilhabe aller jungen Menschen an Bildung und nimmt unterschiedliche Voraussetzungen und mögliche Benachteiligungen in den Blick. Dazu gehören neben Behinderung beispielsweise auch soziale, sprachliche oder biografische Barrieren. Das folgende Kapitel legt einen besonderen Schwerpunkt auf junge Menschen mit Behinderungen und sonderpädagogischem Förderbedarf, da hier ein eigener menschenrechtlicher Auftrag und weiterhin erheblicher struktureller Handlungsbedarf bestehen.
Mit dem Thüringer Entwicklungsplan Inklusion wurde das Ziel formuliert, das Schulsystem im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention weiterzuentwickeln. Zugleich zeigt der Entwicklungsplan, dass die dafür erforderlichen personellen, räumlichen und sächlichen Voraussetzungen noch nicht überall gewährleistet sind. Dazu gehören barrierefreie Bildungsorte, multiprofessionelle Zusammenarbeit sowie ausreichend qualifiziertes pädagogisches Personal.
In Thüringen wird die Mehrheit der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen beschult. Im Schuljahr 2025/26 lag die Exklusionsquote bei 55,3 %, während 44,7 % der Schüler*innen im gemeinsamen Unterricht lernten. Diese Zahlen dürfen jedoch nicht vorschnell als Ausdruck eines stabilen Elternwunsches nach getrennter Beschulung interpretiert werden. Sie stehen zugleich im Kontext weiterhin unzureichender Bedingungen für inklusive Bildung an allgemeinen Schulen.
Zukunftsvision
Die Schule der Zukunft versteht Vielfalt als Normalität. Inklusive Bildung ist ein Grundprinzip des Schulcampus. Sie richtet den Blick darauf, welche Barrieren gleichberechtigte Teilhabe verhindern und welche Unterstützung junge Menschen benötigen. Die dafür erforderlichen personellen, räumlichen und sächlichen Bedingungen werden verlässlich geschaffen.
Bezugsgruppen ermöglichen Begegnung. Junge Menschen mit und ohne Beeinträchtigung lernen, spielen, diskutieren und gestalten ihren Alltag miteinander. Unterschiedliche Lernvoraussetzungen führen nicht zu sozialer Trennung. Gemeinsames Lernen verbindet verlässliche Lerngemeinschaften mit individuellen Lernwegen. Schüler*innen arbeiten an gemeinsamen Themen, verfolgen dabei aber unterschiedliche Lernziele und Niveaustufen.
Der Schulcampus sichert gleichberechtigte Teilhabe durch förderpädagogische, therapeutische und spezialisierte Unterstützung sowie Assistenz, Beratung und Pflege. Gemeinsames Lernen ist der Regelfall. Spezialisierte Förderung ergänzt es bei Bedarf. Betroffene Schüler*innen werden an Entscheidungen über ihre Unterstützung beteiligt. Ihre Perspektiven und Wünsche werden bei der Gestaltung passender Unterstützungsangebote berücksichtigt. Auch die Wahlmöglichkeit für eine Förderschule bleibt erhalten, wenn Eltern oder Schüler*innen sich im Einzelfall dafür entscheiden.
Schulbildung als Vorbereitung auf die moderne Lebens- und Arbeitswelt
Ausgangssituation
Viele Schüler*innen empfinden schulische Inhalte als wenig alltagsrelevant. Dabei entspricht gerade dies dem Bildungsauftrag des Thüringer Schulgesetzes, beispielsweise der Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten für Leben, Beruf und Weiterbildung sowie der Förderung von Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und gesellschaftlicher Mitverantwortung. Der schulische Alltag ist vielerorts geprägt von einer starken Fokussierung auf Stoffvermittlung und Prüfungsdruck. Dabei bleibt wenig Raum für individuelle Interessen oder die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen. Ein großer Teil des Unterrichts ist auf reines Fachwissen ausgerichtet, während der Erwerb von Kompetenzen wie kritischem Denken, Teamfähigkeit und Problemlösen zu kurz kommen. Obwohl viele Lehrpläne den Erwerb solcher Kompetenzen vorsehen, werden sie im Schulalltag und bei Prüfungen bislang nur unzureichend berücksichtigt. Entscheidungen über Inhalte der Lehrpläne werden von wenigen Akteur*innen getroffen, die häufig ihre eigenen Fachinteressen wahren möchten. Dadurch lernen Schüler*innen vielfach Inhalte, die für frühere Generationen relevant waren, heute aber an Bedeutung verloren haben. So bleibt das Schulsystem in alten Strukturen verhaftet.
Zukunftsvision – Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben
Bildung bereitet junge Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben in einer sich dynamisch veränderten Welt vor. Mutige Reformen entrümpeln und aktualisieren fortlaufend Lehrpläne. Diese orientieren sich an den Herausforderungen einer globalisierten und komplexen Welt sowie an Bedürfnissen junger Menschen. Die regelmäßige Überprüfung, welches Basis-, Fach- und Spezialwissen gelehrt und gelernt werden soll, erfolgt unter Beteiligung von Schüler*innen und Expert*innen aus Wirtschaft, Sozialsektor und Wissenschaft. Dabei richtet sich der Blick auf Gerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit und Lernentwicklung. Kürzere Lehrpläne schaffen Freiraum für die Interessen junger Menschen und ermöglichen vertieftes Lernen. So entwickeln junge Menschen Leidenschaft für eigene Themen. Ein gemeinsames Grundwissen bleibt dabei erhalten und wird durch den Erwerb von Kompetenzen und Problemlösungsstrategien ergänzt, etwa durch die Fähigkeit, Informationen kritisch zu bewerten, fundierte Entscheidungen zu treffen und neue Herausforderungen selbstständig zu bewältigen. Damit rücken nicht allein Lerninhalte, sondern deren Anwendung in realen Lebenssituationen in den Mittelpunkt.
Schulen erhalten Gestaltungsspielräume, um Lerninhalte eigenständig und orientiert an den Bedarfen junger Menschen festzulegen. Schüler*innen sind umfassend an diesem Prozess beteiligt und erfahren so gelebte Demokratie. Außerschulische Bildung stärkt die Entwicklung junger Menschen. Dafür stehen genug Freiräume zur Verfügung. Die Einführung eines FlexDays für Schüler*innen hat die Zugänge zu außerschulischen Bildungsangeboten gestärkt.
Alle Lernprozesse haben die Förderung der Selbstwirksamkeit junger Menschen zum Ziel. Die Neugier zum Lernen wird in der Grundschule gefördert. Sie wächst in den weiterführenden Schularten zu Forschungsgeist, Innovationskraft und Gestaltungswillen heran. So begegnen junge Menschen der Zukunft mit Mut und Kreativität.
Digital unterstütztes Lernen, Lehren und Bewerten
Ausgangssituation
Die Rahmenbedingungen für digitale Bildung sind in Deutschland weiterhin unzureichend. Trotz Digitalstrategien und Empfehlungen der Kultusministerkonferenz mangelt es an flächendeckender technischer Infrastruktur, didaktischen Konzepten sowie Kompetenzen für einen fachlichen, kritischen und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien und KI-Anwendungen.
Herkömmliche Prüfungsformate stehen zunehmend in der Kritik. Insbesondere bei längerfristigen Leistungen lässt sich KI-Unterstützung schwer nachvollziehen. Die bloße Reproduktion von Faktenwissen erscheint unter diesen Bedingungen nicht mehr zeitgemäß. Fach- und Grundlagenwissen bleibt jedoch Voraussetzung, um Informationen einzuordnen, digitale Ergebnisse kritisch zu prüfen und eigenständig zu urteilen.
Darüber hinaus stoßen herkömmliche Formen des Unterrichtens und der Leistungsfeststellung an ihre Grenzen, wenn es um individuelle Förderung geht. Viele Schüler*innen erleben Unterricht als standardisiert, unabhängig davon, auf welchem Wissensstand sie sich befinden oder mit welchem Lerntempo sie arbeiten. Ob Lernrückmeldungen nachvollziehbar, gerecht oder vergleichbar sind, hängt in vielen Fällen stark von der einzelnen Lehrkraft ab.
Unterschiedliche Standards, Plattformen und bundeslandbezogene Infrastrukturen erschweren zudem gemeinsame digitale Lösungen und Vergleichbarkeit.
Zukunftsvision – Digitale Potenziale nutzen
Digitales Lernen ist selbstverständlicher Bestandteil des schulischen Alltags. Medienbildung und digitale Souveränität werden als Querschnittsaufgabe im Unterricht verankert.
Digitale Assistenzsysteme bereiten Lerninhalte personalisiert und kontextbezogen auf und eröffnen unterschiedliche Zugänge zu komplexen Fragestellungen. Sie unterstützen Schüler*innen dabei, Wissen kritisch einzuordnen, zu prüfen und anzuwenden sowie eigene Fragen in den Lernprozess einzubringen. Sie ergänzen fachliches Lernen und pädagogische Begleitung, ersetzen sie jedoch nicht. Lehrkräfte gestalten und verantworten diesen Prozess.
Fachliche Kompetenz- und Leistungsfeststellungen werden durch digitale, datenbasierte Rückmeldungen ergänzt. Digitale Assistenzsysteme geben Hinweise auf Lernstände und Unterstützungsbedarfe. Grundlage dafür sind sowohl digital als auch analog entstandene Lernprodukte. Die Auswertung und pädagogische Einordnung dieser Rückmeldungen liegen bei den Lehrkräften, die sie gegenüber den Schüler*innen verantwortungsvoll aufgreifen und vermitteln. Dabei gelten hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit. Lern- und Leistungsdaten bleiben unter öffentlicher Kontrolle und dürfen weder für kommerzielle Profile noch für andere lernfremde Zwecke genutzt werden.
Für digitale Bildungsangebote werden bundesweit gemeinsame Standards und interoperable Infrastrukturen geschaffen. Eine leistungsstarke öffentliche Bildungsplattform stellt qualitativ hochwertige Lerninhalte, Werkzeuge sowie nutzerfreundliche und datenschutzkonforme Austauschmöglichkeiten zur Verfügung und setzt dabei auf offene Standards, Open-Source-Lösungen und ausfallsichere Strukturen.
Den Schultag zeitlich und thematisch individuell gestalten
Ausgangssituation
Die Schulen sind durch feste Zeitraster, getrennte Fächer und standardisierte Abläufe geprägt. Der Unterricht findet meist in 45-Minuten-Einheiten statt. Dies gilt ungeachtet dessen, ob Themen mehr Zeit benötigen oder kreative Lernprozesse einen anderen Rhythmus verlangen.
Der Unterricht beginnt zu einer festgelegten Uhrzeit, oft sehr früh am Morgen, was die natürlichen Biorhythmen vieler Schüler*innen ignoriert. Modellversuche zeigen, dass flexible Beginnzeiten sowohl die Konzentration als auch das Wohlbefinden fördern können.
Die Organisation von Leistungsnachweisen ist starr. Projektarbeiten müssen zu einem fixen Zeitpunkt abgegeben werden, unabhängig von persönlichen Belastungen, individuellen Lernwegen oder Projektverläufen. Das Schuljahr ist in feste Abschnitte unterteilt, in denen in kurzer Zeit eine große Menge an Stoff vermittelt und abgefragt wird.
Zukunftsvision
Die Schule der Zukunft löst sich von starren Strukturen und schafft ein flexibles Lernumfeld. Der Unterricht findet nicht mehr nur in 45-Minuten-Takten statt, sondern in thematischen Lernfenstern, die Raum für Konzentration, Kreativität und vertiefendes Arbeiten lassen. In der aktuellen Thüringer Schulordnung ist dies grundsätzlich durch § 46 Absatz 2 möglich. Es soll in der Zukunftsvision jedoch flexibler genutzt und umgesetzt werden. Durch Entschlackung des Lehrplans entstehen mehr Freiheiten im Lernen und Flexibilität in den Unterrichtszeiten. Die Lehrkräfte nutzen hierbei ihren Handlungsspielraum. Neben „Fächern“ entsteht mehr Raum für fächerübergreifende Projekte. Diese Projekte sollen vernetzendes Denken fördern und sich an verbindlich zu erwerbenden Kompetenzen orientieren.
Die zeitliche Organisation verändert sich. Der Schulbeginn ist flexibilisiert, ebenso wie die Abgabefristen für Projektarbeiten. Zum Beispiel werden individuelle Bearbeitungszeiten für Projektarbeiten ermöglicht. Die Termine für Abgaben werden im (Halb-)Jahresplan festgelegt sowie Meilensteine für die Erledigung gesetzt. So wird die Selbstorganisation der Schüler*innen mit entsprechender Begleitung durch die Lehrkräfte unterstützt. Der Stundenplan enthält verbindliche Ruhe- und Bewegungszeiten. Alle Schüler*innen haben Raum, sich zurückzuziehen oder körperlich auszupowern. Sie haben Zugang zu Mentoring sowie zu Gesprächen über Belastungen, Ziele und Gefühle. So kümmert sich Schule auch um das körperliche und emotionale Lernen.
Ab Jahrgangsstufe 7 ist ein wöchentlicher FlexDay verpflichtend. In den vorherigen Jahrgangsstufen soll der FlexDay schrittweise eingeführt und altersgerecht erprobt werden. Die Schüler*innen arbeiten an diesem Tag vorrangig an außerschulischen Lernorten oder online an selbstgewählten oder individuell vorbereiteten Aufgaben und entscheiden von Beginn an mit, wie sie ihren FlexDay gestalten. Er wird gemeinsam mit der Schule vorausschauend geplant und kann sowohl einzelne Lernvorhaben als auch längerfristige Kooperationen und Lernorte umfassen. Die Schüler*innen haben die Möglichkeit, in unterschiedlichen Berufen und Tätigkeiten Erfahrungen zu sammeln. Dies meint auch die Tätigkeiten in Jugendverbänden. Der FlexDay kann auch ein Selbststudium beinhalten. Die Schule stellt sicher, dass alle Schüler*innen, unabhängig von ihrem familiären Hintergrund, die Möglichkeit haben, diesen Tag sinnvoll zu nutzen. Lehrkräfte begleiten den FlexDay und bieten Unterstützung bei der Planung. Die Lernprozesse werden gemeinsam mit Lehrkräften und Mitschüler*innen reflektiert.
Hausaufgaben werden zu Schulaufgaben
Ausgangssituation
Hausaufgaben sind seit Jahrzehnten Teil des Schulsystems. Gleichzeitig werden Lern- und Übungszeiten mit dem Ausbau von Ganztagsschulen zunehmend in den schulischen Alltag integriert. Damit zeichnet sich ein Wandel ab: Aufgaben, die traditionell zu Hause erledigt wurden, werden verstärkt zu Schulaufgaben.
Studien stellen den Nutzen von Hausaufgaben zum Teil infrage. Vielmehr offenbaren sie strukturelle Probleme, soziale Ungleichheiten und Auswirkungen auf das außerschulische Leben junger Menschen. Untersuchungen belegen, dass Hausaufgaben nicht zu besseren Lernergebnissen führen, insbesondere nicht bei Schüler*innen aus benachteiligten sozialen Lagen. Wer zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz, keine Unterstützung durch die Familie und keine Lernmaterialien zur Verfügung hat, wird durch Hausaufgaben zusätzlich belastet.
Hausaufgaben greifen tief in die Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen ein. Gerade im Jugendalter ist es entscheidend, dass junge Menschen Räume außerhalb von Schule erleben, sei es zur Persönlichkeitsentwicklung, für außerschulische Lernerfahrungen oder zur Mitgestaltung von Gesellschaft. Doch die Zeit dafür wird immer knapper. Hausaufgaben sind ein Hindernis für die Teilnahme an Gruppenstunden, Freizeiten und Gremienarbeit. Zudem tragen Hausaufgaben häufig zur psychischen Belastung der Schüler*innen und ihrer Familien bei. Leistungsdruck, das Gefühl des „Nie-fertig-Seins“ und das ständige Jonglieren zwischen schulischen Pflichten und Freizeit führen zu Stress, Schlafmangel und Erschöpfung.
Zukunftsvision – Von der Hausaufgabe zur Lernzeit
Die flexible Gestaltung des Schultags schafft zugleich Raum dafür, Lernen, Üben und Vertiefen stärker innerhalb der Schulzeit zu organisieren. Hausaufgaben werden damit zu Schulaufgaben. In einer rhythmisierten und pädagogisch durchdachten Schule finden diese Lernprozesse innerhalb der Schulzeit statt. Die Lernzeiten sind nach Niveaustufen inhaltlich angepasst. Dies unterstützt eine individualisierte Lernkultur, die unterschiedliche Lerntypen berücksichtigt. Die Lernzeiten finden in den Randstunden statt und bieten Raum für persönliche Förderung, kreative Aufgaben und selbstgesteuerte Lernprozesse, die gemeinsam von Lernenden und Lehrenden in Lernzielen festgehalten und durch pädagogische Fachkräfte begleitet werden. Die Lernenden erhalten dadurch eine Struktur und lernen Schritt für Schritt sich selbst zu organisieren. Es entstehen abgestimmte Wochenpläne, die den Eltern zugänglich gemacht werden, um sie in die Lernprozesse ihres Kindes einzubinden. Die gewonnene Freizeit am Nachmittag steht den jungen Menschen für Regeneration, Familie, Peer-Group, Bewegung, kulturelle Interessen und das Engagement in Jugendverbänden zur Verfügung, was Stress reduzieren und zu einer besseren mentalen Gesundheit beitragen kann. Jugendverbandsarbeit wird damit nicht in die Lücke zwischen Mathe- und Englischhausaufgabe „gequetscht“, sondern als gleichwertiger Bildungsort anerkannt und zeitlich ermöglicht. Für die Schulen bedeutet die Abschaffung der Hausaufgaben, nicht „mehr“ machen zu müssen, sondern „anders“ zu arbeiten, da das Kontrollieren der Hausaufgaben wegfällt. Lehrende werden vielmehr als Begleitende statt als Kontrollierende und Regelgebende verstanden. Ihre Rolle wird sich im Schulsystem der Zukunft verändern.
Schule als moderner Ort, der Lust auf Lernen macht
Ausgangssituation
Viele Schulgebäude sind funktional, aber wenig einladend. Unterrichtsräume sind meist auf Front ausgerichtet, mit Sitzreihen, unbequemen Stühlen und schweren Tischen. Akustikdämpfung, flexible Zonen und Stauraum fehlen oft. Raumklima und Lüftung sind lückenhaft. Die digitale Ausstattung ist häufig uneinheitlich und provisorisch. Gemeinschaftsflächen sind meist Durchgangsbereiche. Speisesäle sind groß und laut, die Aufenthaltsqualität ist gering. Schulhöfe bestehen überwiegend aus Pflaster, es gibt wenig Grün, Schatten, Wasser und Rückzugsorte.
Berichte über marode Sanitärbereiche häufen sich. Der Sanierungsstau an Thüringer Schulen ist massiv. Der Landesrechnungshof beziffert den Investitionsbedarf auf bis zu 3,3 Milliarden Euro. In der Summe dominiert eine pflegeleichte, regelkonforme Gestaltung. Sie ordnet Abläufe, fördert jedoch selten Identifikation, Begegnung und selbstständiges Lernen. Der Ort „Schule“ wirkt eher wie ein Verwaltungsbau als ein Lern- und Lebensraum.
Zukunftsvision
Der Schulcampus ist ein offener Lern- und Lebensort, der Begegnung fördert. Jeder Bezugsgruppe steht ein eigener Gemeinschaftsbereich mit familienähnlichem Ambiente, Rückzugsorten und einem Forum zur Verfügung. Dieser bildet den räumlichen Ankerpunkt der Bezugsgruppe. Zudem findet dort das gemeinsame Mittagessen statt. Ein Aufbewahrungsort für persönliche Dinge unterstützt die Funktion dieses Bereichs als Lern- und Lebensraum.
Fachliches Lernen findet in fachbezogen eingerichteten Studios statt. Jedes Studio bietet eine ruhige Zone für konzentriertes Arbeiten, einen Seminarbereich für Dialog und eine Werkstatt für praktisches Lernen. Nebenräume ermöglichen Mentoring und Selbststudium. Materialien sind jederzeit erreichbar. Lernergebnisse sind sichtbarer Teil der Schulgestaltung. Sitzmöbel sind gesundheitsfördernd und höhenverstellbare Tische stehen bereit. Räume ohne typische Sitzgelegenheiten ergänzen die Studios. Arbeiten im Stehen, am Boden und in Bewegung ist jederzeit und individuell möglich. Die Gebäude erfüllen hohe Standards bei Hitzeschutz und Luftqualität, um den klimatischen Veränderungen Rechnung zu tragen. Die Architektur unterstützt das Lernen, fördert Begegnung und schafft Wohlbefinden.
Neben den Studios bietet der Schulcampus Kreativwerkstätten, Ateliers, Makerspaces, Bibliotheken, Bewegungsflächen und -räume, Freiflächen sowie Rückzugsorte. Die Wege sind kurz. Eine spielerische Lernstraße verbindet die Gemeinschaftsbereiche der Bezugsgruppen mit den Studios. Verschließbare Taschenregale vor den Studios halten die Räume frei von Ablenkungen. Lernfördernde Akustik und Beleuchtung sowie stabiles WLAN und eine digitale Ausstattung für alle Lernenden unterstützen den Alltag.
Das Außengelände ist grün und schattig, verfügt über Wasserpunkte und ist als Lernraum nutzbar. Ein Schulgarten wird gemeinsam gepflegt. Bewegungsflächen und ruhige Inseln fördern Erholung und Konzentration.
Glossar
Basisdemokratisch
Basisdemokratisch bedeutet, dass Entscheidungen möglichst unmittelbar von den Menschen getroffen werden, die von ihnen betroffen sind. In der Bezugsgruppe beraten und entscheiden die Schüler*innen gemeinsam über Fragen ihres Zusammenlebens. Dazu können Regeln, Veranstaltungen, die Gestaltung der Räume oder gemeinsame Vorhaben gehören. Jede Person soll die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Die Entscheidungen müssen zugleich mit den Rechten anderer, den Aufgaben der Schule und verbindlichen Schutzregeln vereinbar sein.
Bezugsgruppe
Die Bezugsgruppe ist die feste soziale Gemeinschaft der Schüler*innen. Sie ersetzt den bisherigen Klassenverband. Die Zusammensetzung bleibt im Regelfall bis zum jeweiligen Abschluss bestehen und ist unabhängig davon, auf welcher Niveaustufe die einzelnen Schüler*innen in einem Fach lernen. In der Bezugsgruppe beginnen und beenden die Schüler*innen gemeinsam ihren Tag. Sie essen zusammen, besprechen aktuelle Themen, organisieren Veranstaltungen und gestalten ihr Zusammenleben. Die Bezugsgruppe bietet verlässliche Bezugspersonen, Gemeinschaft und Raum für gegenseitige Unterstützung.
„Bezugsgruppe“ bezeichnet dabei lediglich die organisatorische Form. Im Schulalltag erhält jede Bezugsgruppe einen eigenen Namen. Die Benennung folgt einem schulweit abgestimmten Konzept und soll Zugehörigkeit, Wiedererkennbarkeit und die Identifikation mit der eigenen Bezugsgruppe stärken. Die Schüler*innen werden in die Namensgebung und die weitere Ausgestaltung ihrer Gruppenidentität einbezogen.
Digitale Assistenzsysteme
Digitale Assistenzsysteme sind technische Anwendungen, die Schüler*innen und Lehrkräfte beim Lernen und Lehren unterstützen. Dazu können auch Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz gehören. Sie können zum Beispiel Aufgaben an den Lernstand anpassen, unterschiedliche Erklärungen anbieten, Lernfortschritte sichtbar machen oder Hinweise auf Unterstützungsbedarf geben. Digitale Assistenzsysteme treffen jedoch keine abschließenden pädagogischen Entscheidungen. Lehrkräfte prüfen und bewerten ihre Rückmeldungen und bleiben für die Begleitung der Lernprozesse verantwortlich.
Feedbackkreis
Es gibt verschiedene Modelle, die die einzelnen Schritte eines Reflexions- und Lernprozesses unterschiedlich gewichten. Beispiele sind der Reflexionszyklus nach David Kolb (Doing, Reflecting, Thinking, Applying) oder die E-Kette der Erlebnispädagogik (Ereignis, Erlebnis, Erfahrung, Erkenntnis mit jeweils begleitender Reflexion). Der Lehrer und Bildungsinfluencer Bob Blume beschreibt einen Feedbackzirkel aus Verstehen, Durchführung, Rückmeldung, erneuter Durchführung und erneuter Rückmeldung. Gemeinsam ist all diesen Modellen, dass sie einen strukturierten, wiederkehrenden Lern- und Denkprozess zur nachhaltigen Wissensentwicklung beschreiben. Auch unser Feedbackkreis beschreibt einen Lernprozess, der sich in mehreren Schritten wiederholt:
- Der*die Schüler*in bearbeitet eine Aufgabe oder erbringt eine Leistung.
- Der*die Schüler*in erhält eine konkrete Rückmeldung.
- Der*die Schüler*in setzt sich mit der Rückmeldung auseinander.
- Das nächste Lernziel oder der weitere Lernweg wird festgelegt.
- Der*die Schüler*in arbeitet mit den neuen Erkenntnissen weiter.
Der Feedbackkreis wird so lange wiederholt, bis ein Lernziel erreicht oder gemeinsam angepasst wurde. Rückmeldung steht damit nicht nur am Ende des Lernens, sondern ist Teil des weiteren Lernprozesses.
Flexible Beginnzeiten
Flexible Beginnzeiten ermöglichen Schüler*innen, ihren Schultag innerhalb eines festgelegten Zeitfensters zu unterschiedlichen Zeiten zu beginnen. Dabei bleiben verbindliche Lernzeiten und gemeinsame Unterrichtsphasen erhalten. Selbstorganisierte Lernzeiten können so gelegt werden, dass ein späterer Beginn möglich ist, ohne dass Lernzeit entfällt. Vorbilder dafür finden sich beispielsweise in der Dalton-Pädagogik, wo selbstständig organisierte Lernphasen genutzt werden, um unterschiedliche Beginnzeiten zu ermöglichen.
FlexDay
Der FlexDay ist ein fester Tag innerhalb der Schulwoche, an dem Schüler*innen stärker selbst entscheiden, woran, wie und wo sie lernen. Sie können an eigenen Aufgaben und Projekten arbeiten oder Angebote an außerschulischen Lernorten nutzen. Der FlexDay kann beispielsweise in einer Jugendbildungseinrichtung, einem Museum, einem Betrieb, einer Bibliothek, einem Verein, zu Hause oder in der Schule stattfinden. Lehrkräfte unterstützen die Schüler*innen bei der Planung und Auswertung. Die Schule stellt sicher, dass alle teilnehmen können, auch wenn ihnen zu Hause Räume, Geräte, Unterstützung oder geeignete Verkehrsmöglichkeiten fehlen.
Individuelle Leistungsrückmeldungen
Individuelle Leistungsrückmeldungen ersetzen die bisherigen Ziffernnoten. Sie beschreiben fachbezogen den erreichten Lernstand, bereits entwickelte Kompetenzen, erkennbare Lernfortschritte und die nächsten sinnvollen Lernschritte. Anders als allgemeine Lernentwicklungsgespräche finden sie nicht nur ein- oder zweimal im Schuljahr statt. Sie sind ein regelmäßiger Bestandteil des fachlichen Lernens und erfolgen in kurzen Abständen. Eine Rückmeldung kann sich beispielsweise auf eine Aufgabe, ein Projekt, eine Präsentation oder einen längeren Lernprozess beziehen. Die Rückmeldungen orientieren sich an vereinbarten Kompetenzen und am individuellen Lernstand. Sie machen Leistung nachvollziehbar, ohne Schüler*innen nur durch eine einzelne Zahl zu bewerten. Zugleich helfen sie dabei, passende Lernziele, Aufgaben und Niveaustufen für den weiteren Lernweg festzulegen.
Lernnetzwerk
Ein Lernnetzwerk ist eine flexible Lerngruppe für das fachliche Lernen. Die Lernnetzwerke bilden sich nach Fach, Jahrgangsstufe und Niveaustufe. Schüler*innen können deshalb beispielsweise in Mathematik in einem anderen Lernnetzwerk lernen als in Deutsch. Die Zusammensetzung der Lernnetzwerke wird regelmäßig überprüft und kann sich verändern. So soll das Lernen besser zum jeweiligen Lernstand passen.
Niveaustufen
Niveaustufen beschreiben, auf welchem fachlichen Stand ein*e Schüler*in aktuell lernt. Sie beziehen sich immer auf ein einzelnes Fach und nicht auf die gesamte Person. Ein*e Schüler*in kann beispielsweise in Englisch vertiefend arbeiten und in Mathematik zunächst grundlegende Kompetenzen sichern. Die Zuordnung wird regelmäßig überprüft und kann verändert werden. Niveaustufen sind deshalb keine dauerhafte Einteilung. Es sollen drei Stufen unterschieden werden:
- grundlegend: Wichtige Grundlagen werden aufgebaut oder gesichert.
- festigend: Bereits erworbene Kompetenzen werden angewendet und erweitert.
- vertiefend: Inhalte werden anspruchsvoller bearbeitet und weitergeführt.
Qualifikationen
Eine Qualifikation beschreibt einen erreichten Bildungsstand und macht erworbene Kompetenzen sichtbar. Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Abitur bilden aufeinander aufbauende schulische Qualifikationen. Sie markieren dabei nicht das Ende eines Bildungswegs, sondern eröffnen jeweils weitere Möglichkeiten für Lernen, Ausbildung und Studium. Der Erwerb einer Qualifikation ist von den fachbezogenen Niveaustufen zu unterscheiden. Diese beschreiben den aktuellen Lernstand in einzelnen Fächern, während eine Qualifikation einen erreichten Bildungsabschluss kennzeichnet.
Wettbewerbe zwischen Bezugsgruppen
Die Bezugsgruppen treten regelmäßig in spielerischen Wettbewerben gegeneinander an. Dabei werden unterschiedliche Fähigkeiten gebraucht, zum Beispiel Wissen, Kreativität, Bewegung, Geschicklichkeit oder Zusammenarbeit. Für die einzelnen Wettbewerbe wählen die Bezugsgruppen unterschiedliche Schüler*innen aus. So können je nach Aufgabe verschiedene Interessen, Erfahrungen und Stärken eingebracht werden. Die Wettbewerbe sollen nicht von wenigen besonders leistungsstarken Schüler*innen getragen werden, sondern möglichst vielen die Gelegenheit geben, Verantwortung für ihre Bezugsgruppe zu übernehmen und zum gemeinsamen Erfolg beizutragen. Die Wettbewerbe fördern Gemeinschaft, Motivation und Teamgeist. Auch der faire Umgang mit Niederlagen und Enttäuschungen gehört dazu. Ihre Ergebnisse haben keine Auswirkungen auf Leistungsbewertungen, Bildungswege oder Abschlüsse.
